BOINC bei Donau2Space
Ich hätte nie gedacht, dass mich verteiltes Rechnen mal so packt. Ehrlich. Vor ein paar Wochen war BOINC für mich nur so ein Begriff aus irgendwelchen Nerd-Foren – und jetzt läuft hier ein eigener Server für Donau2Space, 24/7 unter Volllast, mitten in einem Rechenzentrum irgendwo in Deutschland, und rechnet für Einstein@Home, spacious@home, climateprediction.net und Asteroids@home.
Und ich sitze in Passau vor meinem Dashboard und schaue nicht nur zu – ich fühle es.
Mein eigener BOINC-Server – und warum ich ihn 24/7 laufen lasse
Ich bin noch neu in dem Thema. Ich lerne jeden Tag dazu. Was bedeuten Credits wirklich? Wie verhalten sich Temperatur und Wattverbrauch bei unterschiedlichen Projekten? Warum läuft die CPU bei 99 % manchmal kühler als bei 85 %? Solche Fragen lassen mich nicht mehr los. Ich miete keinen Server, um ihn zu vergessen, bis die nächste Hetzner-Rechnung reinflattert. Das Ding ist mein digitales Kraftwerk. Ich beobachte Last, Temperaturen, Laufzeiten. Ich drossele, wenn es zu heiß wird. Ich optimiere, wenn ich merke, da geht noch was.
Im Herzen bin ich längst ein Cruncher.
Nicht, weil ich die meisten Punkte habe (wo ich ja noch weit weg davon bin) – sondern weil ich dranbleibe. Weil ich wissen will, was da genau passiert. Weil ich sehen will, wie aus Strom, Silizium und ein bisschen Wahnsinn echte Forschung wird. Und genau deshalb gibt es hier auf Donau2Space nicht nur ein technisches Widget mit nackten Zahlen – sondern jeden Mittwochmorgen auch meinen Bericht.
Ich erzähle, was der Server gemacht hat. Wie er gelaufen ist. Ob ich etwas verändert habe. Ob ein Projekt mehr Last gezogen hat als gedacht. Ob ich stolz war. Oder leicht genervt.
Und vielleicht mein kleinster Beitrag zu etwas, das größer ist als ich.
Und weil Worte schön sind, aber Zahlen ehrlicher – hier ist der Blick unter die Haube. Mein BOINC-Server. Live. Ungefiltert.
Danach schauen wir uns an, was BOINC im größeren Zusammenhang eigentlich bedeutet – jenseits meiner eigenen Hardware.
| Projekt | Credits | Done | Fail | Runtime | Disk | RPC |
|---|---|---|---|---|---|---|
|
Asteroids@home
aktiv
|
0 | 1 | 0 | 0,04 d | 1 MB | 0 |
|
spacious@home
aktiv
|
7.400 | 39 | 0 | 5,83 d | 9 MB | 0 |
|
Einstein@Home
aktiv
|
99.000 | 15 | 0 | 32,89 d | 838 MB | 0 |
|
climateprediction.net
aktiv
|
0 | 0 | 0 | 0,00 d | 0 MB | 6 |
| UTC | Mode | Dir | Temp | CPU-Limit | Reason |
|---|---|---|---|---|---|
| 2026-02-07T17:20:47Z | WARM → NORMAL | SPEED_UP | 77 °C | 100% | RECOVER |
| 2026-02-07T16:50:47Z | NORMAL → WARM | THROTTLE_DOWN | 85 °C | 90% | HIGH |
| 2026-02-07T14:00:47Z | WARM → NORMAL | SPEED_UP | 73 °C | 100% | RECOVER |
| 2026-02-07T12:40:47Z | NORMAL → WARM | THROTTLE_DOWN | 85 °C | 90% | HIGH |
BOINC – Wenn aus vielen Rechnern ein Supercomputer wird
Und jetzt mal ganz nüchtern – ohne Logbuch-Romantik, ohne Server-Stats. Was ist BOINC eigentlich wirklich?
BOINC steht für „Berkeley Open Infrastructure for Network Computing“. Entwickelt wurde die Plattform an der University of California, Berkeley – mit einer ziemlich radikalen Idee: Warum nur ein paar extrem teure Supercomputer rechnen lassen, wenn weltweit Millionen Geräte die meiste Zeit untätig herumstehen?
Genau hier setzt BOINC an.
Statt alles zentral zu bündeln, verteilt BOINC kleine Rechenpakete – sogenannte Workunits – an freiwillige Teilnehmer. Dein PC, dein Laptop, ein Mini-Server oder sogar ein Raspberry Pi laden sich so ein Paket herunter, rechnen es durch und schicken das Ergebnis zurück. Danach folgt automatisch die nächste Aufgabe.
Aus tausenden, manchmal hunderttausenden Einzelrechnern entsteht so ein virtueller Supercomputer.
Und das Beste daran: Jeder kann mitmachen.
Der Client läuft auf Windows, macOS und Linux – und gerade mein BOINC-Server läuft natürlich unter Linux, was ich hier auf Donau2Space auch regelmäßig unter Linux unter Beobachtung begleite. Man kann einstellen, ob nur im Leerlauf gerechnet wird, ob maximal 50 % oder 90 % CPU genutzt werden dürfen, oder ob das System nachts arbeiten soll. Es ist kostenlos, Open Source und transparent – man sieht jederzeit, was berechnet wird.
Was mich daran fasziniert: Das ist keine Spielerei. Keine Demo. Kein Tech-Gimmick. Das ist echte Wissenschaft.
Verteilte Forschung statt isolierter Rechenzentren
BOINC ist keine einzelne Forschungsrichtung. Es ist eine Infrastruktur. Ein Fundament, auf dem Projekte aus Astronomie, Klimaforschung, Mathematik, Biologie oder Astrophysik laufen.
Und genau das macht es so spannend.
Anstatt ein einziges gigantisches Rechenzentrum aufzubauen, verteilt man die Arbeit in tausende kleine Stücke. Jede Workunit ist für sich lösbar. Erst am Ende ergibt sich aus allen Ergebnissen ein vollständiges wissenschaftliches Bild.
Das Prinzip ist simpel – aber extrem mächtig.
Ein typisches Projekt kann Millionen einzelner Datensätze analysieren müssen. Würde man das auf einem einzigen System rechnen, würde es Monate oder Jahre dauern. Verteilt man es auf zehntausende Rechner, schrumpft die Zeit drastisch.
Man kann es sich wie ein Puzzle vorstellen: Jeder Teilnehmer liefert ein paar Teile. Erst gemeinsam wird das Bild sichtbar.
Vier Projekte, vier komplett unterschiedliche Welten
Aktuell laufen bei mir vier BOINC-Projekte – und jedes fühlt sich technisch anders an.
Einstein@Home
Hier geht es um Astrophysik. Genauer gesagt um die Suche nach Gravitationswellen, Pulsaren und Neutronensternen in riesigen Datensätzen von Observatorien.
Die Herausforderung: winzige Signale im kosmischen Rauschen zu finden.
Die Datenmengen sind gigantisch. Jede Workunit analysiert Frequenzen, Muster, minimale Abweichungen.
Rechenintensiv. Präzise. Dauerlast.
Wenn mein Server hier arbeitet, dann sucht er nach Signaturen, die irgendwo tief im Universum entstanden sind – genau diese Faszination für das All greife ich auch auf meiner Seite Der Himmel über Passau auf – vielleicht durch kollidierende Neutronensterne. Das ist kein Sci-Fi. Das ist reale Astrophysik.
spacious@home
Ein jüngeres Projekt, das sich auf komplexe astrophysikalische Simulationen konzentriert.
Hier geht es weniger um Datensuche, mehr um Modellberechnungen. Simulationen, die physikalische Prozesse im großen Maßstab nachbilden. Und das merkt man sofort an der Last:
Mehr Watt. Mehr Temperatur. Mehr Optimierungsbedarf.
Interessant ist, wie unterschiedlich sich die CPU-Auslastung im Vergleich zu Einstein verhält. Gleiche Hardware – komplett anderes thermisches Verhalten. Für mich ist das fast genauso spannend wie die Forschung selbst.
climateprediction.net
Hier wird es erdnah.
Klimamodelle sind extrem komplex. Viele Variablen, lange Zeiträume, unterschiedliche Szenarien. Ein einzelnes Modell kann Wochen laufen. BOINC ermöglicht es, nicht nur ein oder zwei Simulationen zu rechnen, sondern hunderte Varianten. Unterschiedliche Parameter. Unterschiedliche Annahmen. Unterschiedliche Entwicklungen. Das macht die Datengrundlage breiter – und wissenschaftliche Aussagen robuster. Es geht hier nicht um Schlagzeilen. Es geht um Modellierung, Statistik und Wahrscheinlichkeiten.
Langsam. Schwergewichtig. Wichtig.
Asteroids@home
Dieses Projekt analysiert Beobachtungsdaten von Asteroiden.
Ziel ist es, Form, Rotation und physikalische Eigenschaften besser zu bestimmen. Viele Himmelskörper sind nur als Lichtkurven bekannt – minimale Helligkeitsschwankungen über Zeit.
Aus diesen Kurven werden Modelle berechnet.
Aus Modellen entstehen 3D-Vorstellungen.
Aus vielen kleinen Rechnungen entsteht ein klareres Bild unseres Sonnensystems.
Auch hier gilt: Viele kleine Rechenpakete ergeben am Ende ein großes Gesamtbild.
Mehr als Credits und CPU-Zeit
BOINC-Projekte vergeben sogenannte Credits. Eine Art Punkte-System, das zeigt, wie viel man beigetragen hat. Ich sehe diese Zahlen steigen. Ich sehe Laufzeiten in Stunden und Tagen. Ich sehe Temperaturkurven, Wattzahlen, CPU-Last.
Aber es ist eben kein Mining. Kein sinnloses Hashing. Keine reine Profit-Mathematik. Es ist reale Forschung.
Natürlich kostet das Strom. Natürlich kostet Hardware Geld. Aber es fühlt sich anders an, wenn man weiß, dass die Rechenzyklen nicht in irgendeinem spekulativen Token enden, sondern in wissenschaftlichen Datensätzen.
BOINC ist für mich mehr als Software.
Es ist ein globales Netzwerk aus Nerds, Idealisten, Tüftlern und Forschern. Menschen, die freiwillig Rechenleistung bereitstellen, damit Modelle genauer werden, Signale gefunden werden oder Himmelskörper besser verstanden werden.
Ich bin vielleicht noch neu in dieser Welt.
Aber mein Server rechnet.
Ich optimiere.
Ich beobachte.
Und jedes abgeschlossene Workunit ist ein winziger Baustein in etwas Größerem.