Die Donau schläft nicht. Sie zirkelt und murmelt, während ich mit klammen Fingern das Stativ auf den feuchten Beton setze. Draußen, hinter dem Kraftwerk Jochenstein, zieht die Nacht wie eine graue Decke über das Wasser. –3,3 °C, ein Windhauch von knapp zehn km/h, kein Regen, aber die feuchte Kälte kriecht trotzdem durch jede Naht.
Ich will hören, ob die Sterne flüstern, oder ob nur der Fluss zurückspricht.
Installation im Nebel
Die Lampe meines Stirnbands flackert beim Einschalten. Sie reflektiert sich im Metall der Schüssel – 60 cm, leicht angegriffene Oberfläche, aber zuverlässig. Ich richte den Ausleger auf Süden. Das LNB klickt sauber ein. Der USB-SDR-Dongle steckt im Laptop, dessen Bildschirm das Einzige ist, was hier wirklich hell leuchtet.
Ein kleines Drama gleich zu Beginn: die Verbindung bricht ständig ab. Wahrscheinlich zieht das Powerkabel minimal zu viel Strom beim Start. Also improvisier ich – Kabel einmal ab, Kontakte trocknen, ein Taschentuch als Abstandshalter. Danach läuft’s, als wär nie was gewesen. Fail & Fix #1: erfolgreich bestanden, noch bevor das Universum zu Wort kommt.
Neben dem Stativ hängt der Thermosensor, blinkt beharrlich: –3.3 °C ± 0.1 °C – stabile Bedingung. Ich lasse das Gerät zehn Minuten warmlaufen, Grundrauschen messen. Frequenzbereich diesmal erweitert bis 1.8 GHz, einfach um zu schauen, ob jenseits des offiziellen Bandes was vibrierendes Neues auftaucht.
„Man glaubt, der Himmel ist still. Aber er sendet ständig – nur zu leise für uns.“
Die Nacht summt elektrisch
Gegen Mitternacht flutet das erste Spektrum den Bildschirm. Zwischen 30 MHz und 300 MHz zappeln Linien, einzeln, chaotisch. Dann, oberhalb 400 MHz, glättet sich alles – und plötzlich steht da eine Ebene aus Rauschen, „−98 dB“, stabil. Ich notiere: Rauschboden konstant, keine externen Peaks.
Ein Windstoß rüttelt am Mast. Die Schüssel wippt – und prompt tänzeln die Pegel um 1 dB nach oben. Resonanz? Oder einfach Dopplereffekt durch Bewegung? Ich markiere das als „Messfehler möglich“. Nachtarbeit ist nie glatt.
Mini-Story 2: Begegnung am Ufer
Kurz nach eins: Schritte hinter mir. Ein alter Angler steht da, Stirnlampe gedimmt, Thermosbecher in der Hand. Er fragt halblaut: „Fängst du was?“ Ich deute auf den Laptop. „Vielleicht Sternenrauschen.“ Er nickt, als wäre das das Normalste der Welt. „Hauptsach, du störst net die Fische.“ Dann verschwindet er Richtung Dunkel. Irgendwie war das ein Blessing der Nacht: mein Experiment offiziell genehmigt von der Flusswache in Gummistiefeln.
Vergleichstest: Reflexion vom Wasser
Ich beschließe, das Wasser selbst einzubeziehen. Idee: Wie reagiert das Signal, wenn die Schüssel leicht nach unten neigt, Richtung reflektierende Oberfläche? Also um 5° Elevation verringern, Azimut gleich. Ergebnis nach zwei Minuten Mittlung:
| Parameter | Horizont | -5° Elevation (Wasser) | Differenz |
|————|———–|———————–|————|
| Mittelpegel | −98,2 dB | −97,0 dB | +1,2 dB |
| Schwankung (σ) | 0,4 dB | 0,7 dB | — |
| Signal-Noise-Ratio | 2,8 dB | 3,3 dB | +0,5 dB |
Das heißt: Eventuell addiert sich ein milder Reflexionsanteil – vielleicht einfach lokales Rauschen der Donau. Kein Beweis kosmischer Herkunft, aber immerhin ein spannender Messkontrast.
Analytische Tiefenphase
Um zwei Uhr früh zeigt sich ein anderer Trend: Die LNB-Temperatur steigt leicht, trotz Minusgraden; interne Elektronikwärme. Dadurch driftet das Empfangsfenster minimal.
Ich logge kurz:
02:12 LNB Temp: +3.1 °C
SNR: 3.0 dB
Noise floor: -97.8 dB
Signal drift: +0.04 MHz/h
Das erklärt die abfallende Kurve, die ich erst für atmosphärische Dämpfung hielt. Lesson learned: Nicht alles, was wellenförmig wackelt, kommt von draußen.
Zwischen Zweifel und Aha
Die Stunden schleichen. Ich schwitze leicht unter der Jacke, obwohl alles gefriert. Kopf voll Fragen. Vielleicht suche ich gar kein Signal, sondern nur ein Gefühl von Verbindung – ein Ping vom Universum, ohne Rückkanal.
Aber dann, 02:47 Uhr, sehe ich einen saubereren Abschnitt im Log. Kein Peak, keine Störung, einfach eine rundere Textur im Spektrum. Ich zeichne das als „ruhiges Band“ ein. Es ist banal technisch – und dennoch wirkt’s wie ein Atemzug. Ich grinse. Fei, manchmal reicht das schon.
Nachklang zwischen Beton und Wasser
Der Laptopakku blinkt rot. 5 %. Ich packe langsam ein, atme diesen metallischen Luftgeschmack ein. Über dem Fluss zieht der Dunst tiefer, und irgendwo schimmert Passau als verschwommener Lichtteppich. Kein außerirdisches Signal, keine Schlagzeile – nur Struktur in Stille. Ein Gespräch aus Rauschen, das ich vielleicht falsch, aber ehrfürchtig verstanden habe.
Ich fahr heimwärts, Scheiben leicht gefroren, Data-Logs sicher auf der SSD. Morgen: Auswertung, Temperaturkorrelation, Vergleich mit der Messung vom Frühjahr. Vielleicht findet sich ein wiederkehrender Bogen. Und wenn nicht: pack ma’s nächstes Mal einfach wieder an.
Mitmachen & Nachbauen
- Sichere Variante: Kleine Parabolantenne (max. 60 cm), handelsübliches LNB, günstiger SDR-USB-Stick. Messung passiv, keine Sendefunktion!
- Stromversorgung über Powerbank (12 V). Gerät auf stabile Unterlage stellen, nicht zu nah ans Wasser.
- Für Einsteiger: Nachtmessung auch vom Balkon möglich – weniger Nebel, leisere Fehlerquellen.
Was ich nächstes Mal anders mache
- LNB-Thermometer dauerhaft loggen.
- Schüssel fixieren mit zwei Abspannungen gegen Wind.
- Vergleichsaufnahme an klarem Himmel planen.
- Backup-Powerbank – und dickerer Pulli.
Mini-Datenreport
- Temperaturen: Luft −3.3 °C, LNB intern +3.1 °C nach 2 h.
- Rauschboden: −98 dB ± 0.5 dB.
- Peak-Bereich: 408 MHz mit leichtem Flachband.
- Wasserreflexion: +1.2 dB Pegelzuwachs.
- Abdrift: +0.04 MHz/h – eindeutig temperaturabhängig.
Vielleicht antwortet das All nicht. Aber wer zuhört, hört, dass selbst das Schweigen Muster hat.
Arbeiten in der Nähe von Gewässern und elektrischen Anlagen bergen Gefahren. Achte auf festen Stand, sichere Stromquellen und trage reflektierende Kleidung bei nächtlichen Messungen. Kein Aufstellen von Geräten im Sperrbereich des Kraftwerks Jochenstein.
Alle Experimente wurden eigenständig und ohne Eingriff in den Kraftwerksbetrieb durchgeführt. Die erhobenen Daten betreffen ausschließlich physikalische Umweltmessungen und verletzen keinerlei Persönlichkeitsrechte oder Datenschutzbestimmungen.
SSH — donau2space.de
# Donau2Space Git · Mika/radiowellen_experiment # Mehr Code, Plots, Logs & Scripts zu diesem Artikel $ ls LICENCE.md/ README.md/ data_logging/ manual_documentation/ $ git clone https://git.donau2space.de/Mika/radiowellen_experiment $
Diagramme
Begriffe kurz erklärt
- USB-SDR-Dongle: Ein kleiner USB-Stick, der Funkwellen empfängt und sie digital an den Computer zur Auswertung sendet.
- Powerkabel: Ein Kabel, das elektrische Energie von der Stromquelle zu einem Gerät leitet.
- Thermosensor: Ein Sensor, der Temperatur misst und die Werte elektrisch weitergibt.
- Frequenzbereich: Der Bereich an Funkfrequenzen, den ein Gerät empfangen oder senden kann.
- Rauschboden: Das Grundrauschen eines Messsystems, unter dem kein Nutzsignal mehr erkennbar ist.
- Dopplereffekt: Wenn sich Sender oder Empfänger bewegen, ändert sich die wahrgenommene Frequenz des Signals.
- Mittelpegel: Der durchschnittliche Signalpegel über einen bestimmten Zeitraum.
- Signal-Noise-Ratio: Das Verhältnis von Nutzsignal zu Rauschen; ein hoher Wert bedeutet ein klareres Signal.
- LNB-Temperatur: Die Temperatur des Empfangskopfes einer Satellitenschüssel, die den Rauschpegel beeinflusst.
- Noise floor: Das Grundrauschen sämtlicher elektrischer und elektronischer Komponenten in einem System.
- Signal drift: Langsame Veränderung der Frequenz oder Stärke eines Signals über die Zeit.
- Data-Logs: Gespeicherte Aufzeichnungen von Messwerten oder Systemdaten für spätere Auswertung.
- Powerbank: Ein tragbarer Akku, der Strom für Geräte wie Radios oder Raspberry Pi liefert.
- Parabolantenne: Eine Schüsselantenne, die Funksignale bündelt, um schwache Quellen besser zu empfangen.
- Flachband: Ein flaches, mehradriges Kabel, das mehrere Signalleitungen sauber nebeneinander führt.


