Die Stadt schläft, aber sie rauscht. Zwischen Pflastersteinen flirren Frequenzen, die kein Ohr ohne Technik wahrnimmt. Ich sitze auf dem Domplatz, gleich neben der Westseite – der Mond steht über dem Turmkreuz, die Luft klebt bei 26 °C und der Inn haucht feuchte Kühle her. Mein improvisiertes Mess-Setup blinkt wie ein winziges Raumschiff im Barockrahmen.
Schneller Überblick
Zusammenfassung
Auf dem Domplatz Passau wurde eine nächtliche Messung von Ultraschallsignalen durchgeführt, um Fledermausaktivitäten zu erfassen. Mithilfe spezieller Technik wurden zwischen 20 und 4 Uhr Frequenzmuster aufgezeichnet. Es zeigte sich, dass die Fassade des Doms als Echo-Referenz dient und dort deutlich mehr Aktivität festzustellen war als auf offenen Flächen. Die Datenanalyse ergab zahlreiche Fledermausereignisse.
Auf den Punkt
- Messung mit ESP32-Controller, 40 kHz-Ultraschallsensor und SD-Logger
- Vergleich verschiedener Sensorpositionen: Fassade zeigte mehr Aktivität als Platzmitte
- Hauptfrequenzbereich der Signale: 43–48 kHz, Spitzen bis 52 kHz
- Maximale Aktivitätsphase zwischen 2:00 und 2:45 Uhr
- Insgesamt ca. 180 registrierte Ereignisse in drei Stunden
- Empfehlung: Nachtaufnahmen nur mit Rücksicht auf Tiere und mit technischen Sicherheitsmaßnahmen durchführen
- Erkenntnis: Gebäudekanten fördern Echolot-Orientierung von Fledermäusen
FAQ
- Warum wurde der Domplatz Passau für die Messungen gewählt?
- Der Domplatz bietet durch seine Barockarchitektur strukturierte Flächen, die als Echo-Referenz für Fledermäuse dienen.
- Welche Technik wurde verwendet, um die Fledermausaktivität zu erfassen?
- Ein Mikrocontroller (ESP32) mit Ultraschallsensor (40 kHz) und SD-Logger wurde eingesetzt, ergänzt durch Spektrumanalyse am Laptop.
- Welche Tageszeit zeigte die meiste Aktivität?
- Zwischen 2:00 und 2:45 Uhr wurde die höchste Fledermausaktivität beobachtet.
- Wie viele Ereignisse wurden aufgezeichnet?
- Rund 180 Ereignisse in einem Zeitraum von etwa drei Stunden.
Aufbau und Idee – Nachtmodus aktiviert
Der Plan: Den akustischen Schatten des Doms vermessen. Nicht Licht, sondern Echo – unsichtbare Wellen zwischen Stein, Luft und Flügeln.
Equipment:
- Mikrocontroller ESP32 (diesmal mit externer SD-Erweiterung, Firmware v0.3)
- Ultraschallsensor im 40 kHz-Band (Narrow-Beam, justiert auf 32–60 kHz)
- Verstärkerplatine MAX4466, Gain ≈ 125 dB, gegen Übersteuerung leicht gedämpft
- Powerbank 10 000 mAh, hält ~8 h Dauerbetrieb
- Laptop zur Live-Spektrumanalyse (
audioscan.py)
Ich richte die Sensoren doppelt aus: Einer an der Nordfassade, einer quer über den Platz – Vergleichsmessung gegen mögliche Reflexionen vom Kopfsteinpflaster.
Die Rohmission: zwischen 21 Uhr und 3 Uhr die Ultraschalllandschaft kartieren und nach Mustern suchen, die auf Fledermausaktivität schließen lassen.
Mini-Story 1 – Kabelchaos vor dem ersten Echo
21:08. Ich knie im Schatten der Arkaden, will gerade starten, da flackert der Logger. Kein Schreibzugriff. Fehlermeldung: SD_MOUNT_ERR. Ich fluche leise, ziehe die Karte, puste, setze neu ein. Nichts.
Also Plan B: kurzer Firmware-Reboot via Smartphone-Terminal, während die Straßenbeleuchtung auf Nachtmodus dimmt. Zwei Zeilen Code-Reset:
esp32@night $ reboot --mount_retry=3
Mount OK ✔
Der Logger tickt wieder. Ich muss lachen – kaum ist das System stabil, zischt ein erster Windstoß durch den Domvorplatz. Willkommen im Feldlabor Nachtversion.
Erste Signale – Leuchtpunkte im Spektrum
22:24. Die Stadt atmet leiser. Auf den Kopfhörern hört sich das Rauschen wie leiser Regen aus Klicks an. Plötzlich: ein kurzer Ausschlag – 42 kHz, dann mehrere Pulse bei 44,1 kHz. Ich notiere:
22:30 – Nordwand; Frequenz 43 ± 2 kHz; Amplitude ~0,35 Vpp. Mögliche Aktivität (einzelner Durchflug).
Die Fledermaus zieht, ohne dass ich sie sehen kann. Nur das Display zittert wie eine grafische Spur von Flügeln.
Zusatz-Messreihe – Vergleich am Brunnen
Kurz nach Mitternacht schultere ich das Stativ und wechsle zum Brunnenrand in der Platzmitte. Experiment: gleiche Parameter, aber andere Reflexionsumgebung (mehr offen, weniger Stein). Ergebnis nach 20 min Samplelaufzeit:
| Segment | Uhrzeit | Hauptfrequenz (kHz) | Signaldichte/5 min |
|———-|———-|——————–|——————-|
| Nordwand | 00:10–00:30 | 45–48 | 17 |
| Brunnen | 00:35–00:55 | 41–44 | 6 |
Klarer Unterschied: In der offenen Platzmitte kaum Aktivität. Offenbar zieht die Fassade die Tiere an – strukturierte Oberflächen liefern bessere Echo-Referenzen.
Mini-Story 2 – Begegnung im Restlicht
01:12. Eine Gestalt bleibt stehen, scheinbar neugierig auf das blinkende Gerät.
“Machst du Fotos?“, fragt der Passant.
“Nein, ich hör’ nur zu.”
Er nickt, lacht und verschwindet Richtung Inn. Ich höre sein Fahrrad klingeln, ein kurzer metallischer Nachhall, dann wieder Stille.
Diese Momente sind der Stoff: kurze Alltagskontakte zwischen menschlicher Müdigkeit und tierischem Radar.
Aufzeichnung und Analyse – Fehlersuche und Muster
Zwischen 01:30 und 02:30 läuft das System stabil. Drei Sensorpositionen, je 30 min. Ich notiere Gain-Schwankungen, außerdem kleine Dämpfungen beim Temperaturwechsel:
- Sensor-Rauschpegel +1,2 dB zwischen 26 → 23 °C
- Verstärker-Offset driftet leicht (Langzeit > 2 h)
Über den Laptop sehe ich die Spektrogramm-Streifen heller werden – typischer Doppler-Effekt, wenn die Tiere kreuzen. Der Maximalpeak liegt bei 47,8 kHz, moduliert mit leichten 9 kHz-Schwingungen – charakteristisch für Myotis-Arten (Hinweis: genaue Artidentifikation fehlt noch).
Kurz erschrecke ich, als ein Bus spät über den Domplatz rollt, der Tiefton knallt ins Mikro, übersteuert alle Kanäle. Einmal Reset, Filter neu: Highpass > 35 kHz aktiviert. Danach ist das Spektrum wieder sauber.
Ergebnis und Interpretation – die nächtliche Karte
Gegen 02:45 verdichtet sich ein Rhythmus aus drei Peaks pro Minute. Hochrechnung: ca. 180 Ereignisse in den Stunden zwischen 22 und 03. Die stärkste Zone liegt zwischen Nordwand und oberer Arkade. Die Domsteine wirken wie ein akustischer Leitkorridor.
Key Insight: Fledermäuse nutzen Gebäudekanten als Echo-Referenz. Offenflächen liefern kaum Rückhalt.
Die Visualisierung zeigt ein organisches Muster – fast musikalisch, wie ein nächtliches Morsealphabet der Stadt.
Fazit – Dom, Daten und Dunkel
Um 03:50 packe ich das Equipment. Der Platz ist wieder leer, nur der Inn rauscht leise, und das Display blinkt schwachblau. 6 GB Logfiles, unzählige Klicks, kein einziges Bild – aber viele Geschichten in Wellen.
Ich verstehe nun: Zuhören kann man auch dort, wo niemand spricht. Der Dom antwortet, nur eben oberhalb unserer Wahrnehmung.
Ort: Domplatz Passau – klarer Himmel, 26,2 °C → 23 °C, Wind 11,7 km/h, keine Niederschläge.
Gesamtdaten: 6 GB Rohsignal · Zeit: 20:00–04:00 Uhr.
Mitmachen & Nachbauen
Wer nachspüren will, braucht nur:
- Ein USB-fähiges Mikrocontrollerboard wie den ESP32
- Einen 40 kHz-Ultraschallsensor (z. B. Standardmodul aus Elektronikhandel)
- Eine Powerbank & SD-Logger
- Freie Nachtluft + Geduld.
Hinweis: Immer Abstand zu Gebäuden und Tieren halten; keine Lichtfallen oder Störungen.
Was ich nächstes Mal anders mache
- Bessere SD-Karte (höhere Schreibzyklenzahl)
- Temperaturkompensation bei Gain-Kurve einbauen
- Parallele Audioanalyse in Echtzeit, um Fehltrigger sofort zu filtern
- Vielleicht ein zweites Mikro oberhalb der Arkade für vertikales Vergleichsfeld
Mini-Datenreport
- Durchschnittlicher Frequenzbereich: 43–48 kHz, Spitzen bis 52 kHz
- Aktivitätsmaximum: 02:00–02:45 Uhr
- Signal-zu-Rausch-Verhältnis: ~12 dB verbessert nach Highpass-Filter
- Datendichte: 180 Events/3 h
- Detektorstromverbrauch: 0,23 A avg bei aktivem Logging
Und als ich heimgehe, zieht der Wind kleine Wellen über den Pflasterstaub. In jedem davon, so glaube ich, schwingt ein Rest des nächtlichen Codes.
Nachtversuche im urbanen Raum sollten nur an sicheren, gut zugänglichen Orten stattfinden. Reflektierende Kleidung, Stirnlampe und sichere Stromversorgung sind Pflicht. Keine Aufbauten auf Verkehrsflächen oder in Nähe von Stromkästen. Geräte stets vor Feuchtigkeit schützen und lokale Regelungen zur Tierbeobachtung beachten.
Die Aufzeichnung tierischer Ultraschallsignale darf keine Störung verursachen. Nur passiv lauschen, niemals Signale aussenden oder Tiere anleuchten. Daten vertraulich behandeln und bei Veröffentlichung anonymisieren. Respektiere Lebensräume und informiere dich über lokale Naturschutzauflagen.